28 Feb. Buchempfehlung: „Der Spiegel der einfachen Seelen“ von Marguerite Porete
Buchempfehlung. „Der Spiegel der einfachen Seelen“ von Marguerite Porete. 1310. Paris. Eine Frau wird verbrannt, nicht wegen einer Maschine oder einer Revolution sondern aufgrund eines Gedanken. Was wäre, wenn wahre Innovation nicht aus Anpassung entsteht, sondern aus innerer Souveränität? Was, wenn die grösste disruptive Innovation gar nicht technologisch, sondern existenziell ist?
Das ist keine Mystik. Das ist das radikalste Innovationsprinzip überhaupt. Ein mutiges, freies und höchst explosives Buch. Doch beginnen wir von vorne:
Am 01. Juni 1310 wird Marguerite Porete in Paris verbrannt. Ihr „Verbrechen“? Ein Buch.
«Der Spiegel der einfachen Seelen» ist kein frommes Erbauungswerk. Es ist Dynamit. Porete beschreibt eine Seele, die so von göttlicher Liebe durchdrungen ist, dass sie keiner religiösen Leistungsnachweise mehr bedarf. Keine Bussübungen. Keine spirituelle Selbstoptimierung. Keine institutionelle Vermittlung. Die Seele wird souverän. Nicht Dienerin der Tugend, sondern deren Herrin. Hier löst sich das Ich aus dem moralischen Über-Ich und tritt in eine unmittelbare Beziehung zum Selbst, getragen von Liebe statt von Angst. Porete nimmt „sola fide“ Jahrhunderte vorweg. Glaube als inneres Sein, nicht als äusseres Werk.
[„So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ (Römer 3,28) „… weil wir wissen, dass der Mensch nicht aus Werken des Gesetzes gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus.“ (Galater 2,16)]
Eine der prominenten glühenden Verehrerinnen des »Spiegels der einfachen Seelen« war keine Geringere als Marguerite von Navarra, die Schwester des französischen Königs Franz I. Das Buch und deren Autorin, so schreibt sie, seien »erfüllt von der Flamme der Liebe, so inbrünstig, dass Liebe, und sie allein, ihr Anliegen, Anfang und Ende, von allem, was sie sagte«, gewesen sei. Im Gegensatz zur heiligen Inquisition, deren Handlangern und Vollstreckern hat Marguerite von Navarra damit die Intention des »Spiegels der einfachen Seelen« präzise erfasst.
Ein mystagogisches Lehrbuch. Ein Portaltext. Eine Provokation, damals wie heute. Und vielleicht die radikalste Frage überhaupt: Was bleibt, wenn die Liebe allein genügt?

Bibliografie
Porete, Marguerite: Der Spiegel der einfachen Seelen. Mystik der Freiheit. Mainz: Marix Verlag, 2008. (Nachwort/Einführung u. a. von Dr. Bruno Kern)
________________________________________________________________
Addendum:
Universität Erfurt
Gedenken an die erste verbrannte „Begine“, Marguerite Porete († 1.6.1310)
Am 10. Juni 2025 weihte Anne Hidalgo, Bürgermeisterin von Paris, einen Platz mit ihrem Namen ein.
Die Forschungsstelle Meister Eckhart am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt hat seit ihrer Errichtung 2009 neben den Schriften Meister Eckharts vor allem auch die zeitgenössisch sehr verbreiteten und mit Themen Meister Eckharts verbundenen Schriften der Begine und Mystikerin Marguerite Porete untersucht. Bereits 2010 fand zum 700-Jahr-Gedächtnis des Todes von Marguerite am 10. Juni im Heinrich-Heine-Haus, Paris, ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziertes wissenschaftliches Symposium „Rencontre à Paris 1310“ statt, das neben Marguerite auch Meister Eckhart, Dante und Lullus als volkssprachliche literarische Taktgeber miteinander ins Gespräch brachte. Das Symposium wurde von der Meister Eckhart Gesellschaft (Dietmar Mieth), in Zusammenarbeit mit der Sorbonne, dort mit dem Philosophie-Historiker Ruedi Imbach, veranstaltet. (Die Ergebnisse des Symposiums wurden 2017 in „Meister Eckhart: Texts and Studies“ veröffentlicht).
Mit Meister Eckhart, ihrem Zeitgenossen (*ca. 1260), verbindet Marguerite vor allem die Formel des „sans pourquoi“ bzw. „âne warumbe“ („ohne warum“), die sie auch in der Formel „nicht wissen, nicht haben, nicht wollen“ zusammenfasst. Marguerite schreibt: „Gott ist so groß, dass sie (die Seele) von ihm nichts zu erfassen vermag. Und wegen dieses Nichts ist sie in die Gewissheit des Nicht-Wissens und des Nicht-Wollens gelangt.“ (Ch. 81) Es ist nicht auszuschließen, dass Marguerite und Eckhart sich in Paris – vor 1294 oder nach 1301 – begegnet sind.
Königinnen (wie Philippa von England oder Marguerite von Navarra) lasen und würdigten das verbreitete Buch von Porete Spiegel der einfachen Seelen. Für die (französische) religiöse Volkssprache leistete Marguerite – auf ihre Weise Grundlegendes – ähnliches wie Dante für die italienische, Lullus für die spanische und Eckhart für die deutsche Sprache.
Die Forschungsstelle Meister Eckhart hat sich mit der Meister Eckhart Gesellschaft dafür engagiert, Marguerite, diese europäisch bedeutende und erfolgreiche literarische Frau Frankreichs, am Ort ihres Häresie-Prozesses und ihres Todes im Zentrum von Paris zu ehren. Diese Bemühungen hatten Erfolg: Ein Platz im Zentrum von Paris, im 4. Arr., (Ecke rue Saint Martin und rue du cloître Saint-Merri) wird am 10. Juni 2025, um 10:30 Uhr, durch Laurence Patrice, Adjointe à la Maire de Paris, und Anne Hidalgo, dem Maire de Paris Centre, nach Marguerite Porete benannt und eingeweiht, so dass sie „offiziell zur Nomenklatur von Paris“ gehört.
Die Bemühungen um die Würdigung Marguerites fanden neben der Benennung des Platzes und den wissenschaftlichen Beiträgen auch ihren Ausdruck in der Form eines historischen Romans: Dietmar Mieth, Ketzerflammen in Paris, Hannover, Verlag der Blaue Reiter, 2. Aufl. 2025.
Quelle: https://www.uni-erfurt.de/max-weber-kolleg/kolleg/aktuelles/news/newsdetail/gedenken-an-die-erste-verbrannte-begine-marguerite-porete-161310
No Comments